
Der „Klavierphilosoph" Brendel wurde am 5. Jänner 1931 im nordmährischen Wiesenberg geboren. „Ich lasse mich ungern lokalisieren", einbegleitete der mittlerweile 76-Jährige einmal eine Schilderung seiner klassisch-altösterreichischen Familienbande. Neben seiner Vorliebe fürs Theater zeigte sich bereits sehr früh sein außergewöhnliches pianistisches Talent. Mit sechs Jahren erhielt er Klavierunterricht und wurde in die Harmonielehre eingeführt. Als sich seine Eltern in Graz niederließen, setzte er hier seine Ausbildung fort - seine Klavierlehrerin, die Grazerin Ludovika von Kaan, sollte ihn später an den großen Edwin Fischer verweisen - und führte das Studium der Komposition, des Klaviers und des Dirigierens in der Landeshauptstadt und in Zagreb fort. Nach dem Zweiten Weltkrieg begab sich Brendel u. a. in die künstlerische „Obhut" des Grazer Komponisten und Organisten Artur Michl. Nach seinem Grazer Debut im April 1948 im Kammermusiksaal nahm Alfred Brendel keinen Unterricht mehr - der Ursprung einer Weltkarriere völlig autonom von akademischen Lehrern und ohne triebhaften Ehrgeiz. Seinen unkonventionellen musikalischen Hintergrund erklärt er heute als großen Vorteil: „Mich unterschied von anderen Musikern, dass ich nicht ungeduldig war."