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Stadt der Menschenrechte

06.10.2011

„Krank am Beutel, krank am Herzen“

Mehr Gesundheit durch Verteilungsgerechtigkeit

Arme werden krank, Kranke werden arm - diese traurigen Tatsachen wurden heute im Grazer Rathaus diskutiert. Alle Fotos: Stadt Graz/Fischer 
Arme werden krank, Kranke werden arm - diese traurigen Tatsachen wurden heute im Grazer Rathaus diskutiert. Alle Fotos: Stadt Graz/FischerArme werden krank, Kranke werden arm - diese traurigen Tatsachen wurden heute im Grazer Rathaus diskutiert. Alle Fotos: Stadt Graz/Fischer
 
Der Konnex zwischen Gesundheitszustand und Einkommenssituation ist eindeutig: Arme Menschen sind öfter krank, können seltener zum Arzt gehen bzw. sich Medikamente leisten und sterben früher. Chronisch kranke Menschen fallen oft aus dem regulären Arbeitsmarkt heraus, haben deshalb weniger Einkommen und sterben ebenfalls früher. Dabei sind Gesundheit und Einkommen kein Ressourcen-, sondern ein Verteilungsproblem, dessen Bewältigung an mangelnder sozialer Solidarität und mangelndem politischem Veränderungswillen scheitert.
 
GEFAS-Vorstandsmitglied Walter Scheitz begrüßte die TagungsteilnehmerInnen. 
GEFAS-Vorstandsmitglied Walter Scheitz begrüßte die TagungsteilnehmerInnen.GEFAS-Vorstandsmitglied Walter Scheitz begrüßte die TagungsteilnehmerInnen.
 
„Gerechtigkeit neu denken?!" ist deshalb auch der Untertitel der von der GEFAS Steiermark in Kooperation mit dem Integrationsreferat der Stadt Graz organisierten Fachtagung „Armut und Gesundheit" heute, 6. Oktober 2011, im Grazer Rathaus. Für die GEFAS begrüßte Vorstandsmitglied Walter Scheitz, MSc, stellte gleich die Frage in den Raum „Wer bestimmt das Maß des Notwendigen in der Gesundheit?" und bemängelte, dass Österreich zwar das teuerste Gesundheitssystem in Europas habe, im Vergleich der medizinischen Leistungen pro Anspruchsberechtigtem aber nur an siebenter Stelle liege.
 
Verhungern – körperlich, geistig, seelisch
Sozialmediziner Prof. Dr. Gerhard Trabert, Wiesbaden 
Sozialmediziner Prof. Dr. Gerhard Trabert, WiesbadenSozialmediziner Prof. Dr. Gerhard Trabert, Wiesbaden
 

„Armut macht krank - und Krankheit macht arm" war die Hauptaussage des Eröffnungsreferates von Prof. Dr. Gerhard Trabert, Sozialmediziner und Sozialpsychiater an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden, der über „Armut und Gesundheit in Deutschland" sprach. Er berichtete von einer Entwicklung des Gesundheitssystems hin zu einer Drei-Klassen-Medizin und dass Hartz IV-BezieherInnen monatlich genau 15,55 Euro für Gesundheits-Ausgaben zur Verfügung hätten. Chronisch Kranke verarmen, arme Menschen werden häufiger krank - beide Gruppen sterben signifikant früher als gut situierte Menschen. Je größer die soziale Ungleichheit in einem Land ist, desto niedriger ist die Lebenserwartung. In Europa verhungern Menschen aber nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch, weil sie diffamiert werden, weil sie keine Anerkennung finden, weil sie nichts wert sind. Die Folgen sind Depressionen, Burn out und Suizid.

 

Vor allem Familien mit mehr als den statistisch durchschnittlichen 1,24 Kindern sind von Armut bedroht: „Es ist ein Skandal, dass Kinder ein Armutsrisiko sind!", wetterte Dr. Trabert und erläuterte den Teufelskreis von Armut - schlechtem Wohnumfeld - negativen Auswirkungen auf die Schulleistungen - geringerer Bildung - und wieder Armut. Trabert forderte mehr Verteilungsgerechtigkeit von den Reichen zu den Armen, gleiche Chancen im Zugang zu Bildung, Mindestlöhne, einen niedrigschwelligen Zugang zu Gesundheitseinrichtungen; schlicht: Gleichwürdigkeit. Und: „Jeder sollte sich von staatlichen Transferleistungen ausreichend und gesund ernähren sollen!"

 
Wertschätzen statt beschämen
Psychologe und Sozialexperte Mag. Martin Schenk, Wien 
Psychologe und Sozialexperte Mag. Martin Schenk, WienPsychologe und Sozialexperte Mag. Martin Schenk, Wien
 
Warum „soziale Ungleichheit, Disqualifizierung und Beschämung unter die Haut gehen" führte der Wiener Psychologe und Sozialexperte Mag. Martin Schenk aus. Jeden Tag aufs Neue um die Existenz zu kämpfen, ist ein Drahtseilakt, der stark auf die Substanz geht - und die Gruppe der Kämpfenden wächst täglich. Dauerhafter, schädlicher Stress (Distress) schwächt das Immunsystem; Armut ist chronifizierter Stress. Um gesund zu sein, braucht der Mensch nicht nur Geld, er braucht auch Anerkennung und Wertschätzung. Wird er ständig beschämt - eine soziale Waffe von Statushöheren gegenüber Statusunteren - schneidet dies symbolisch ins Herz und direkt in die Gesundheit. Weitere „LebensMittel" neben der Wertschätzung, um stark zu sein: tragfähige Beziehungen und Selbstwirksamkeit (das Leben selbst steuern können). Auch Mag. Schenk betonte den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheitszustand und forderte „Arbeit, von der man leben kann" als wichtiges Mittel im Kampf gegen Armut und für bessere Gesundheit. Hier finden Sie seine Präsentation.
 
Die Älteren sind deutlich gesünder
Dr. Eric Stoiser, Geriatrische Gesundheitszentren Graz 
Dr. Eric Stoiser, Geriatrische Gesundheitszentren GrazDr. Eric Stoiser, Geriatrische Gesundheitszentren Graz
 
Dr. Eric Stoiser, Ärztlicher Leiter der Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz, referierte über die „Risiken im Alter". Erfreulich: Die heute 60- bis 75-Jährigen sind deutlich gesünder, als diese Altersklasse vor 30 Jahren war. Die Pflegenotwendigkeit, Morbidität (Krankheitshäufigkeit) und Mortalität (Sterblichkeit) verschiebt sich mehr in die Hochaltrigkeit. Die Zahl der Menschen, die ihren Gesundheitszustand mit „gut" oder „sehr gut" angeben, steigt, die Zahl der Krebserkrankungen nimmt ab. Gesundheit sei aber nur ein Faktor für eine gute Lebensqualität - und damit kam Dr. Stoiser auf die Vermögensverhältnisse Älterer zu sprechen: So leben 62.000 österreichische PensionistInnen von der Mindestpension von derzeit 793,40 Euro.
 
Nach der Mittagspause ging die Fachtagung mit Referaten von Dr.in Felice Galle vom Frauengesundheitszentrum Graz zum Thema „Ungleiche Gesundheitschancen für Frauen" (hier finden Sie die Präsentation) und Dr.in Irene Holzer, Leiterin der Marienambulanz, über „Benachteiligungen bei MigrantInnen" (klicken Sie hier für die Präsentation) weiter. Anschließend wurde das Thema „Gerechtigkeit und Gesundheitsziele gegen Armut bei MigrantInnen, Frauen und SeniorInnen" in Workshops vertieft.
 
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