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07.05.2015

Sondergemeinderat: Zurückblicken, erinnern, nach vorne schauen

Die Stadt Graz gedachte dem Jahrestag des Kriegsendes

70 Jahre Kriegsende, 70 Jahre Zweite Republik. In einer großen Sondersitzung erinnerte der Grazer Gemeinderat am 7. Mai 2015 an die Geschehnisse der vergangenen sieben Jahrzehnte; gemeinsam richtete man den Blick aber auch nach vorne. Mehr als 400 Personen, unter ihnen hochrangige Persönlichkeiten, nahmen die Einladung von Bürgermeister Siegfried Nagl in die Grazer Stadthalle an.

Bürgermeister Nagl begrüßte viele Ehrengäste, unter ihnen Alt-Landeshauptmann Josef Krainer, Ex-Landesrat Kurt Jungwirth, Ex-Vizekanzler Josef Riegler sowie die steirischen Landesräte Bettina Vollath und Johann Seitinger. Mit dabei waren auch hohe VertreterInnen der Kirchen wie Diözesanadministrator Heinrich Schnuderl, Superintendent Hermann Miklas sowie die Vorsitzende der israelischen Kultusgemeinde Ruth Kaufmann.

Nachdem die beiden Universitätsprofessoren Stefan Karner und Karin Schmidlechner einen historischen Blick auf die Geschehnisse geworfen hatten, referierte auch eine Person, die Geschichte geschrieben hat: Der ehemalige polnische Gewerkschaftsführer, spätere Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa hielt im Rahmen der Gedenkveranstaltung eine Rede an die Jugend.

 
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"Wir sind die Moorsoldaten"

Mit einem Lied, das unter die Haut ging, eröffnete der HIB.art.chor unter der Leitung von Maria Fürntratt die Gedenkveranstaltung. Das Lied "Wir Moorsoldaten" wurde im Jahr 1933 von KZ-Häftlingen gesungen, die im Lager Börgermoor gefangen gehalten wurden. Die Insassen, die mit einfachen Spaten das Moor kultivieren mussten, waren vorwiegend politische Gegner des Nazi-Regimes gewesen.

 
Bürgermeister Nagl: Müssen uns für Frieden und Sicherheit einsetzen

"Wir gedenken heute offiziell jenes Tages damals, als das Grauen ein Ende hatte", eröffnete Bürgermeister Nagl die Sitzung. Er erinnerte an das Leiden jener, die Opfer des Krieges und Opfer von abscheulichen Verbrechen waren - Verbrechen gegen Juden, Sinti und Roma, behinderte Menschen, homosexuelle Menschen und politisch Andersdenkende.
"Was bedeutete der 8. Mai 1945? Europa lag damals in Schutt und Asche. 6 Millionen Menschen wurden bestialisch ermordet. 35 Millionen Soldaten kehrten nicht zurück. Mehr als 30 Millionen Menschen zahlten mit ihrem Leben für diesen Krieg. Man kann einen Krieg beginnen, aber nicht beenden, wann man will", betonte Nagl. "Wir haben daher die Pflicht, uns für Frieden und Sicherheit, für Verständigung und Menschenrechte einzusetzen."

 

Wie sehen Grazer KommunalpolitikerInnen die Lage damals und heute? Dieses Video gibt Antworten darauf.

 
Stefan Karner: Erinnern wir uns an das Graz im Mai 1945
 

Der bekannte Grazer Historiker für Zeitgeschichte Stefan Karner beschrieb mit eindringlichen Worten, welche Brutalität, welches Chaos und welche Verwirrung in den Tagen des Kriegsendes in Graz geherrscht haben. "Das faschistische System klammerte sich bis zuletzt mit oft großer Brutalität an die Macht", fasste er zusammen. Es gab in Graz Hinrichtungen bis in die letzten Kriegstage, Deserteure wurden erschossen, jüdische Gefangene hingerichtet und viele andere Verbrechen begangen. Im Sommer 1945, fasste Karner zusammen, wurde eine erschütternde Bilanz gezogen: Über 22.788 Menschen waren in der NS-Zeit alleine aus politischen Gründen in Grazer Gefängnissen gesessen. "Graz war damals die Stadt der Volkserhebung, gleichzeitig war es aber auch ein Ort des heftigen Widerstands gewesen."

 
Karin Schmidlechner: Die Rolle der Frauen
 

Einen differenzierenden Blick auf die Rolle und den Alltag von Frauen warf Historikerin Karin Schmidlechner. "Wir sollte nicht vergessen, dass viele Frauen das NS-Regime unterstützt haben, viele andere Frauen waren aber auch Opfer des Systems", so die Universitätsprofessorin.
Sie rückte das Bild der "Trümmerfrauen" zurecht: "Es gab zwar eine Zwangsverpflichtung für Aufräumearbeiten, das betraf aber durchschnittlich nur rund 70 Frauen. Nur wenige Frauen beteiligten sich am Aufräumen freiwillig."
Wie sah nun das Leben damals aus? Hausarbeit war eine Schwerst- und Überlebensarbeit und nicht mit Hausarbeit von heute zu vergleichen, schilderte die Historikerin die damalige Situation. Es mangelte an allem, an Nahrung, Seife, Waschmittel, Kleidung u. v. m. Nach 1945 kam es auch zu Hungerdemonstrationen und Protesten.
Frauen hatten aber einen großen Anteil am gesellschaftlichen Wiederaufbau nach 1945, so Schmidlechner, obwohl freilich die politischen Strukturen, die sich neu bildeten, erneut männerdominiert waren.

 
Botschafter des Friedens
 

Nie vergessen! Zwei junge Gedenkdiener - also Zivildiener, die ihren Dienst in Erinnerungsstätten im Ausland absolvieren - erzählten ihre Beweggründe und Erfahrungen. Julian Sorgo war Gedenkdiener im Galicia Jewish Museum in Krakau und führte dort Schul- und andere Besuchergruppen durchs Museum. "Ich versuchte dabei, den Kontext des Holocausts zu vermittelten, dass die Vernichtung von Menschen, von Juden auch die Vernichtung einer Kultur ist, die für immer verloren ist", schilderte er seine Erfahrungen.   

In Toronto, im Neuberger Holocaust Education Centre arbeitet Alexander Schelischansky derzeit als Gedenkdiener. "Wir machen Veranstaltungen zu jüdischen Gedenk- und Feiertagen, haben jeden Tag mindestens eine Schulklasse im Center und bieten viele Angebote zur geschichtlichen Fort- und Weiterbildung." Schelischansky befasst sich weiters mit Zeitzeugen - eine Arbeit, die, so berichtete er, bereichernd, aber auch herausfordernd ist.

 
Lech Wałęsa: Praktische Lösungen für Krisen suchen
 

Mit Standing Ovations wurde der ehemalige Präsident Polens, frühere Gewerkschaftsführer und Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa in der Grazer Stadthalle begrüßt. Seine Berührungspunkte mit dem Ende des Weltkrieges sind zum einen sehr persönlicher Natur: "Mein Vater war damals zwar noch aus dem Krieg zurückgekehrt, ist dann aber schon im Juni 1945 an den Folgen des Krieges verstorben", erzählte er. Zum anderen waren für Wałęsas Heimat die Probleme mit dem Jahr 1945 nicht zu Ende: "In Polen und einigen anderen Ländern ist man damals vom Faschismus zum sowjetischen Kommunismus übergegangen. Der Kommunismus war nicht so mörderisch, aber Freiheit hatten wir trotzdem keine. Erst unser Kampf um die Freiheit hat dazu geführt, dass der Krieg in Polen faktisch zu Ende gegangen ist." Wałęsa richtete in seiner Rede den Blick aber überwiegend in die Zukunft und appellierte an die Zuhörerinnen und Zuhörer: "Ich bin ein gelernter Elektriker und im Kern ein Praktiker. Suchen wir also nach den praktischen Lösungen für die Krise der Demokratie, der Wirtschaft und der Globalisierung, denn das sind wir den künftigen Generationen schuldig!"

Sonja Tautscher

 
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