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Als alle zusammenrückten

Was die Amokfahrt für die MitarbeiterInnen der Stadt bedeutete

27.06.2015

Samstagmittag, 20. Juni
Eine Sekunde lang sei es ganz still gewesen, sagten Augenzeugen später. Man hätte die Vögel zwitschern gehört. Dann starteten die Alarmrufe, die Erste-Hilfe-Maßnahmen und die Rettungsketten.
Die schreckliche Amokfahrt des 20. Juni 2015 riss Menschen aus dem Leben. Machte aus Gesunden Halbtote, die um ihr Leben rangen. Eine Person liegt noch heute im Koma. Viele werden mit Behinderungen zurechtkommen müssen. Schmerzen, innerlich wie äußerlich bei
den Opfern. Tiefe Trauer in Familien und Freundeskreisen.
Die Tat zerstörte das Vertrauen vieler Menschen in die Unverletzbarkeit ihres Lebens, in die Normalität des Alltags. Vor allem Kinder reagierten mit Angst. Zwei, so hört man, sprachen tagelang kein Wort. Und die Grazer Innenstadt wurde um ihre Unbeschwertheit gebracht.

Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Dazwischen liegt eine Tat, deren Gründe wir nicht kennen.
MitarbeiterInnen der Stadt wurden Augenzeugen der Bluttat: der Busfahrer in der Zweiglgasse, der als einer der Ersten einen Notruf absetzte. Die zwei Straßenbahnfahrer, an denen der Amoklenker vorbeibrauste. Die MitarbeiterInnen des Citymanagement, die auf dem Hauptplatz
den „Graz Prix" feierten. Ihre Großveranstaltung endete von einer Sekunde auf die andere und aus dem  Veranstaltungszelt wurde ein Notlazarett. Im Rathaus hatten gerade zwei Menschen Ja zueinander gesagt. Mit dem Schritt ins Freie, am Rathausportier vorbei, traten sie in die Hölle.

Samstagabend, 20. Juni
Die MitarbeiterInnen der Straßenreinigung haben das Blut der Opfer weggewaschen.
Die Sperre von Hauptplatz und Herrengasse wird wieder aufgehoben. Tausende GrazerInnen bewegen sich langsam durch die Innenstadt. Die Stadtpfarrkirche ist offen. Gemeinsam wird
gebetet. Stille Straßen, Kerzen überall. Bürgermeister Siegfried Nagl war selbst Augenzeuge der Tat. Sichtlich gezeichnet gibt er dem Drängen der Medien nach und stellt sich einem ORF-Interview. Vom Dach des Rathauses und der Holding wehen schwarze Fahnen. Die Videowall auf dem Jakominiplatz zeigt keine Werbung mehr, sondern Trauer. Dazu wurde ein Mitarbeiter der Firma Infoscreen im fernen Wien aus dem Wochenende geholt.

Auf www.graz.at wurde eine Seite vorgeschaltet, auf der nur zwei Worte stehen:
Graz trauert. Im digitalen Kondolenzbuch, das seit dem späten Nachmittag online ist, haben schon 1.700 Personen ihre Gedanken niedergeschrieben. Weit nach Mitternacht behebt ein Techniker von Icomedias die Probleme, die wegen der Posting-Flut aufgetaucht waren.

Dienstag, 22. Juni
Viele MitarbeiterInnen haben schon vier arbeitsreiche Tage hinter sich - aber noch viel mehr Anstrengungen vor sich: Es ist eine Trauerwoche ausgerufen, die mit einer Großveranstaltung am Sonntag, 28. Juni, enden soll. Die vielen Tatorte auf der 2,3 Kilometer langen Strecke des
Amokfahrers müssen von den Spuren der grünen Sprays gereinigt werden. Der Gedenkmarsch braucht Planungen, Bewilligungen, Bühnen und Technik, Medienarbeit und viele, die mithelfen.
CNN bittet um weitere Informationen, die Medien tickern auf Hochtouren.

Auf Facebook postet ein Bürger, man möge doch auch den Uhrturm schwarz beflaggen. Ja natürlich, der Mann hat recht: wird erledigt. Ebenso wie der Trauerflor auf den Ortstafeln. Auch das war eine Idee eines Passanten, die er einem städtischen Mitarbeiter mit auf den Weg gab. Alle spüren, dass jetzt alles laufen muss. Und tatsächlich, alles funktioniert wie am Schnürchen. Die Krise wirbelt Arbeitspläne durcheinander und hebelt Hierarchien aus: Der Magistratsdirektor,
der seit Samstagmittag das Krisenmanagement leitet, hat Durchgriffsrecht. Er gibt aber keine Anweisungen, er bittet nur. Ein „das geht jetzt nicht" hört er ohnedies nicht. Alles geht. Der Samstagmittag war auch ein Moment, ab dem alle zusammenrückten. Dieser Moment
sollte mehr als eine Woche andauern.
Hilfe kommt auch von außen. Eine Werbeagentur bietet kostenlos ihre Dienste an. Die Firma Ankünder produziert, affichiert und verrechnet keinen Cent. Spontan entsteht eine Spendeninitiative. Ein Caterer liefert Gratisbrötchen, damit die Mägen nicht knurren.

Sonntag, 28. Juni
Es wird tatsächlich ein sehr stiller Gedenkmarsch für die Opfer und die Angehörigen: 12.000 Menschen sind gekommen, um schweigend vom Griesplatz zum Hauptplatz zu gehen. Vorneweg
der Bundespräsident, der Bundeskanzler und viele aus der Regierung. Leise Töne von Musikern erklingen an jenen Orten, wo Menschen starben. Der ORF überträgt den Gedenkmarsch eine
Stunde lang live. Im Vorfeld hatten Medien mit 20.000 Menschen spekuliert oder mehr. Sicher war nur, dass es ein Staatsakt unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen werden würde. Auch an
diesem Tag greifen alle zusammen, viele davon ehrenamtlich.

Ein stilles Publikum lauscht den Reden und der Musik, gemeinsam wird gebetet. Zum Schluss bauen vier Worte eine Brücke zurück in die Normalität: „Wir sind füreinander da." Die  Trauerwoche ist vorbei, doch die Erinnerung bleibt. Vielleicht bleibt auch etwas von der Einsicht, wie notwendig wir Menschen den Zusammenhalt in den Familien, Freundeskreisen und in der Gesellschaft brauchen. Das kann den 20. Juni nicht ungeschehen machen und soll den Opfern nicht falschen Trost spenden. Aber es weckt eine Hoffnung, weil wir genau diesen Zusammenhalt brauchen, damit eine solche Tat kein zweites Mal passiert.

Sonja Tautscher
Mitarbeit: Dieter Demmelmair

Der Beitrag erschien Anfang Juli 2015
in der MitarbeiterInnenzeitung des Hauses Graz "Im Team".

 

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