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82 sehr kritische Straßennamen in Graz

Endbericht der Kommission wurde heute präsentiert

23.03.2018

Viel Arbeit, viele Diskussionen, eine fundierte Grundlage

Präsentierten heute gemeinsam den Endbericht der Straßennamenskommission: Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner, Bürgermeister Mag. Siegfried Nagl, Prof. Dr. Karin Schmidlechner und Grazmuseums-Direktor Otto Hochreiter (v. l.). © Stadt Graz/Fischer
Präsentierten heute gemeinsam den Endbericht der Straßennamenskommission: Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner, Bürgermeister Mag. Siegfried Nagl, Prof. Dr. Karin Schmidlechner und Grazmuseums-Direktor Otto Hochreiter (v. l.).© Stadt Graz/Fischer

Der rund 1.000 Seiten umfassende Abschlussbericht der Straßennamenskommission liegt vor: 1.630 Verkehrsflächen der Landeshauptstadt wurden untersucht, 793 davon sind personenbezogen, 86 „unverdächtig" Die verbleibenden 707 wurden effektiv geprüft: 625 davon weisen keine historisch kritischen Ansätze auf, 82 (das sind rund zwölf Prozent) jedoch sehr wohl. Und darunter wiederum stufte die heterogen zusammengesetzte Kommission 20 als höchst bedenklich ein. Handelsempfehlungen waren nicht im Auftrag inkludiert. Nachdem der Bericht dem Gemeinderat in der nächsten Sitzung präsentiert wird, will man sich fraktionsübergreifend Gedanken machen, welche Maßnahmen getroffen werden sollen (Umbenennung, Zusatztafeln, etc.). Auch an BürgerInnenbeteiligung wird gedacht.

Lob an die Stadt für Bereitschaft zum Diskurs

Am 3. Juli 2014 wurde der Auftrag zur Prüfung sämtlicher Grazer Straßennamen vom Gemeinderat erteilt. Eine 14-köpfige Kommission unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner und seiner Stellvertreterin Prof. Dr. Karin Schmidlechner formierte sich und durchleuchtete über knapp vier Jahre hinweg insgesamt 1.630 Verkehrsflächen (Straßen und Plätze) in der Landeshauptstadt hinsichtlich ihres Namens. Die Mitglieder, die aus den unterschiedlichsten Bereichen stammen, diskutierten in vielen Stunden und meist äußerst heftig. Einstimmig fielen jedoch stets ihre Beschlüsse und so auch jener, aus 82 kritisch zu bewertenden Straßennamen 20 als höchst bedenklich zu extrahieren. „Es ist eine äußert schwierige und auch besonders sensible Aufgabe. Viele Tatbestände lassen sich heute nicht mehr rekonstruieren, wir kennen oft nicht die Gründe für die einstige Zuerkennung des Straßennamens, es fehlen wichtige biografische Daten und so weiter", versuchte Karner die Problematik, die sich der Expertenrunde immer wieder stellte, zu beschreiben.

In jedem Fall hat die Kommission ihren Auftrag erfüllt und mit dem rund 1.000 Seiten umfassenden Werk eine wichtige Grundlage für die weitere Vorgehensweise und für die Aufarbeitung geschaffen. „Es lag nicht an uns, Empfehlungen oder unsere Meinung abzugeben", betonte Karner. Der Historiker bedankte sich jedoch bei den Mitgliedern der Stadtregierung, lobte die Bereitschaft der Stadt, hier Aufklärungsarbeit zu leisten und vermerkte: „Wir hatten bei unserer Arbeit stets freie Hand, es wurde nie und von niemanden dreingeredet."

Nichts ist ausgeschlossen

Der Ansatz Karners, Verkehrsflächen als Denkmäler zu betrachten, gefiel Bürgermeister Nagl besonders gut. „Wir werden unsere restlichen Denkmäler auch unter die Lupe nehmen." Der vollständige Bericht der Straßennamenskommission wird in der nächsten Gemeinderatssitzung im April präsentiert und davor in den Ausschüssen diskutiert. Danach will man über die weitere Vorgehensweise - ob nun Zusatztafeln montiert oder Namen geändert werden, vielleicht auch künstlerische Interventionen zum Zug kommen - genau prüfen und verantwortungsvoll abwiegen. Auch die Bevölkerung soll dabei zu Wort kommen, wie ein Vorschlag von Schmidlechner lautete. „Ich schließe nichts aus, wünsche mir aber eine gemeinsame Vorgehensweise", betonte Nagl. In Salzburg beispielsweise habe man es so gelöst, dass Zusatztafeln, formuliert von einer HistorikerInnen-Kommission, angebracht wurden.

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Ihre Kommentare (8)

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  • Dominik Müller,  27.03.2018, 10:58
    (Zu)Kurzfassung
    Vielen Dank für die eingehende Untersuchung - die Kurzfassung des Berichts ist nur in der Tat viel zu kurz.
    Wichtig wäre mir zum Beispiel zu erfahren, wann die jeweilige Benennung vorgenommen wurde...
  • Öffentlichkeitsarbeit 26.03.2018, 12:21
    Es gibt nun folgende Information zur Auflage des Gesamtberichtes: Dieser wird gedruckt und bis nächste Woche auch in den Stadtbibliotheken zur Ansicht aufliegen. Im Laufe des Jahres wird eine Sonderedition des "Historischen Jahrbuchs" erscheinen!
  • Öffentlichkeitsarbeit 26.03.2018, 11:35
    In welcher Form der Gesamtbericht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, können wir derzeit noch nicht beantworten. Bitte um Verständnis.
  • Stefan,  26.03.2018, 09:12
    Ernsthaft?
    Wo ist der ganze Bericht, der - laut Medien - 1000 Seiten lang soll?

    Die zur Verfügung gestellten Dokumente sind unzureichend. Es fehlt auch im Text der Hinweis, was denn genau als "problematisch" galt. Insgesamt drängt sich beim Lesen der Auflistung der Verdacht auf, dass hier Menschen aus heutiger Sicht abgeurteilt wurden. Wer die Geschichte nicht aus ihr heraus betrachtet, kann nur scheitern. Da gelten Personen, die als "Kriegstreiber", "Deutschnationale", "NSDAP-Mitglieder" etc pp etikettiert wurden, als "problematisch"? Warum sind all die anderen Straßennamen unbedenklich? Weil es sich um Leute gehandelt hat, die Mitglied der Kommunisten waren, weil sie Gegner der großdeutschen Idee waren oder seinerzeit schon einer Entgrenzung der Völker das Wort redeten? Dinge, die von der Politik und der Wissenschaft heute als lobenswert gelten?

    Man muss auf der Hut sein, denn irgendwann kann die Zeit kommen, wo über die Hypermoralisten und Wegbereiter des Postnationalismus, der "offenen Gesellschaften" mit all ihren jetzt schon sichtbaren Verwerfungen, das Urteil gesprochen wird. Es wird sich die Frage stellen, wer dann zu den "Bedenklichen" zählen wird.
  • Katharina 25.03.2018, 19:22
    Voller Bericht?
    Wo ist der volle Bericht zu finden? Der Link führt nur zu einer Kurzzusammenfassung.
  • Katharina 25.03.2018, 19:22
    Voller Bericht?
    Wo ist der volle Bericht zu finden? Der Link führt nur zu einer Kurzzusammenfassung.
  • Hans Schnait,  23.03.2018, 23:44
    es reicht
    Es reicht!
    Es ist einfach unfassbar mit welcher Präpotenz manche menschen heute über Menschen, die in längst vergangenen Tagen gearbeitet haben urteilen. Es scheint einfach "zeitgemäß" zu sein, Denkmäler und alles, was einst wertvoll war zu demontieren. Dann sollten und Diese Experten wenigstens andere wertvolle Figuren als Alternative anbieten. Denn einfach dagegen z sein ist zu wenig - aber mit den Wölfen zu heulen war immer einfach.
  • Michael 23.03.2018, 20:01
    Andritzer Reichsstraße
    Wie sieht die Evaluierung zur Andritzer Reichsstraße aus? Bezieht sich zwar glaube ich auf das Kaiserreich und nicht auf das Dritte Reich, dennoch dreht es mir nach wie vor den Magen um, wenn ich diesen Straßennamen höre bzw. lese.