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Gewaltschutzpaket für Frauen und Familien

22.06.2021

Laut einer EU-Studie ist jede fünfte Frau in der Union körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. In Österreich sehen wir in der jüngeren Vergangenheit zwei Trends, die Anlass zum Nachdenken geben: Die Zahl der Frauenmorde hat sich in den letzten sechs Jahren rund verdoppelt. Während im Jahr 2014 19 zu Buche stehen, gab es 2020 31 Frauenmorde in Österreich, den bisherigen Höchststand gab es im Jahr 2018 mit 41, 2019 waren es 39. Im vergangenen Jahr kam es außerdem zu einem merklichen Anstieg der Betretungs- und Annäherungsverbote in Österreich. Die Zahl stieg von 8.000 bis 9.000 auf über 11.600 an. Auch die Zahlen des Grazer Jugendamtes bestätigen diesen Trend: Die Zahl jener Betretungsverbote, bei denen auch Kinder betroffen sind, lag sonst bei leicht über 100 pro Jahr, im Jahr 2020 ist diese Zahl auf über 150 angestiegen. „Gewaltschutz geht uns alle an. Anhand dieser Zahlen sehen wir, dass dieses Thema leider nach wie vor aktueller denn je ist", weiß Bürgermeister Siegfried Nagl, „als Kommune wollen wir vor diesem Hintergrund aktiv gegensteuern und haben ein entsprechendes Maßnahmenpaket gegen Gewalt an Frauen und Familien geschnürt. Ein wesentlicher Schwerpunkt ist dabei auch die Arbeit mit den Männern bzw. Tätern. Es ist wichtig hier präventiv anzusetzen und dass wir uns um jene Männer in Ausnahmesituationen kümmern, die unter Umständen zu Gewalt neigen."

Die Stadt Graz schnürt ein Gewaltschutzpaket für Frauen und FamilienBürgermeister Siegfried NaglSozial-, Jugend- und Familienstadtrat Kurt HohensinnerEduard Hamedl, Obmann und Gründer des Männernotruf SteiermarkDie Stadt Graz schnürt ein Gewaltschutzpaket für Frauen und Familien

Maßnahmenpaket auf drei Säulen

Einen positiven Aspekt betont Sozial-, Jugend und Familienstadtrat Kurt Hohensinner: „Die Zahl der Gefährdungsmeldungen an das Amt für Jugend und Familie, also jene Meldungen wo Gewalt an Kindern vermutet wird bzw. angezeigt werden, sind seit Jahren mehr oder weniger stabil und liegen bei rund 650 Fällen pro Jahr. Das heißt gerade im Familienbereich zeigen viele unserer Initiativen auch Wirkung." Über 600.000 Euro gibt die Stadt Graz jährlich für die verschiedensten Gewaltschutzmaßnahmen aus, städtische Einrichtungen dabei nicht mit eingerechnet. Das aktuelle Maßnahmenpaket fußt auf drei Säulen:

  1. Männerarbeit
  2. Familienangebote und Gewaltprävention
  3. Prävention bei Jüngeren bzw. im Integrationsbereich (Ehrkulturen)

Auch Hohensinner sieht eine große Wichtigkeit in der Schwerpunktsetzung auf Männerarbeit: „Von allen Fällen familiärer Gewalt, die von Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreut wurden, waren rund 80 Prozent Frauen oder Mädchen. 90 Prozent der Gefährder und Täter waren männlich, in vielen Fällen Ehemänner, Partner, Ex-Partner etc."

Informationsoffensive zu Männernotruf

Wesentlicher Bestandteil der ersten Säule ist eine Informationsoffensive zum Männernotruf Steiermark. Dieser bietet Männern und männlichen Jugendlichen eine erste unmittelbare und niederschwellige Anlaufstelle, wenn diese in Konflikte oder Krisen aller Art schlittern. „Prävention ist ein wichtiger Teil, um Gewalt an Frauen und Kindern zu verhindern", weiß Eduard Hamedl, Obmann des Männernotrufs, „Beziehungs-, Trennungs- oder Scheidungskrisen sind gravierende Ausnahmesituationen. Viele Männer wissen dann oft nicht wohin mit Gefühlen wie Aggression, Frust, Verzweiflung. Wir bieten ihnen ein Ventil, eine Möglichkeit rund um die Uhr über ihre Krisen zu reden und sich Rat und Hilfe zu holen, damit es nicht zu einer Entladung in Form von Gewalt kommt." Wenn Männer weggewiesen werden, stehen sie oft mittellos und ohne Unterkunft auf der Straße. Neben der Beratung durch den Männernotruf wurde durch die finanzielle Unterstützung des Lions Club Graz Schlossberg schon mehrmals für Männer eine Unterbringung organisiert, damit es nicht zu weiteren Eskalationen kommt. Auch Frauen in Notsituationen wurden dadurch finanziell unterstützt. In besonderen Fällen von bevorstehender Gewalt oder Suizidankündigung werden mit dem Betroffenen vor Ort direkt Kontakt aufgenommen und die notwendigen Akut-Maßnahmen gesetzt.

Sensibilisierung und Präsenz

Die zusätzlichen Mittel investiert der Männernotruf in eine Informationsoffensive. „Wir merken: Je stärker wir präsent sind, desto mehr Fälle und Anrufer haben wir", so Hamedl. Ab sofort wird deshalb einen Monat lang die Hotline des Männernotrufs mit unterschiedlichen Videos verstärkt auf den Social-Media-Kanälen Facebook, Instagram und YouTube beworben. Zielgruppe sind in erster Linie Grazer im Alter von 25 bis 65, aber auch die Grazerinnen sollen adressiert werden. „Es sind nicht nur Männer, die das Angebot des Männernotrufes nutzen", betont Hamedl. „Häufig kontaktieren uns Frauen, wenn sie ihren Ehemann oder Lebenspartner schützen möchten und sich deshalb im ersten Schritt nicht an die Polizei wenden." Ergänzend zu den digitalen Maßnahmen wird die Hotline auf den Infoscreens der öffentlichen Verkehrsmittel sowie den Videowalls am Jakominiplatz und der Messe Graz prominent platziert.

Krisenunterbringung für Männer gefordert

Ebenso Teil des Pakets ist der Verein für Männer- und Geschlechterthemen. In den vergangenen Jahren wurde die Zusammenarbeit in diesem Bereich bereits intensiviert, vor allem im Bereich des Projekts Männerberatung und Anti-Gewaltarbeit. Rund 1.000 Menschen, die Hälfte davon in Graz, werden pro Jahr vom vielseitigen Angebot erreicht. Dieses reicht von Krisenberatung, Therapeutischer Vermittlung, Prävention bis hin zu Rechtsberatung. Gemeinsam mit der Stadt hat man bereits ein weiteres Pilotprojekt in Vorbereitung. „Die Grenze zwischen Lebenskrise und Gewaltanwendung ist leider oft fließend. Die Wegweisung durch die Polizei überfordert oft viele. So passiert es leider nicht selten, dass gerade jene, die kurz davor weggewiesen wurden, nicht wissen wohin mit ihrer Wut und dann noch einmal zurückkommen." Eine Idee wäre hier die Einrichtung einer schnellen unkomplizierten Krisenunterbringung für weggewiesene Männer, damit diese in einer solche Ausnahmesituation einen Anlaufpunkt haben. „Als Stadt haben wir hier bereits unsere Unterstützung signalisiert, würden das Projekt mitfinanzieren", erklärt Hohensinner. Noch ausständig sind allerdings die Gespräche mit dem Land Steiermark. Bereits jetzt gibt es Sprechstunden für Weggewiesene und auch in der Arbeit des Bereitschaftsdiensts des Amtes für Jugend und Familie ist seit kurzer Zeit Standard aktiv Täterarbeit zu forcieren.

Bereitschaftsdienst und enge Zusammenarbeit mit dem Frauenhaus

In der zweiten Säule finden sich alle Projekte mit Schwerpunkt Familien und Gewaltprävention. Zentrale Anlaufstelle ist seit hier seit rund sechs Jahren der Bereitschaftsdienst im Amt für Jugend und Familie. Er befasst sich mit allen Fragen des Kinderschutzes, 24 Stunden, 7 Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr. Rund 4.000 Meldungen zu Kindeswohlgefährdungen hat er seit Bestehen abgearbeitet. Der Bereitschaftsdienst arbeitet in enger Abstimmung mit allen Einrichtungen zum Thema Kindeswohl, von Polizei, Männerberatung und Gewaltschutzzentrum bis hin zu enger Vernetzung mit Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen. Unterstützt wird dieser durch die Jugend- und Familiensozialarbeit in den vier Grazer Sozialräumen. Ebenso essentiell ist enge Zusammenarbeit mit dem Frauenhaus. Hier gibt es seit vergangenem Jahr das neue GiF Projekt (Gewaltprävention im Familiensetting). Ein Zusammenspiel aus Frauenhaus, Männerberatungsstelle und dem Grazer Jugendamt. Ebenso zu erwähnen ist die Kindergruppe „Sprich mit mir" für Kinder, die im Frauenhaus wohnen und ein weiteres Kooperationsprojekt mit der Stadt Graz, in dem seit vergangenem Jahr zwei Wohnungen des Sozialamts zur Verfügung gestellt werden, um Frauen aus dem Frauenhaus einen langsamen Wiedereinstieg zurück in ein geregeltes Wohnsetting zu erleichtern.

Mit Mutmacher und kleinen Familienratgebern gegen Gewalt

Daneben wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Gewaltschutzinitiativen der Stadt auf Scheine gebracht. Unter anderem die Mutmacher-Initiative gegen Gewalt an Kindern, heuer zum zweiten Mal aufgelegt wurde. Alle Kinder der 3. Klassen Volksschulen bekommen im Rahmen dieses Projekts einen Mutmacher überreicht, ein kleines Kuscheltier, das dabei unterstützen soll mutig zu sein, um etwa über Gewalterfahrungen zu sprechen. Passend zur Initiative werden auch Begleitmaßnahmen mit Sozialarbeitern an Schulen angeboten. Ebenso niederschwellig ist das Projekt „Kleiner Familienratgeber", das gemeinsam mit dem Verein Zebra entstanden ist. Die handliche Broschüre behandelt in bewusst einfacher Sprache mehrere Krisensituationen für Familien, mögliche Lösungsweise und auch Kontaktdaten wo man sich bei derartigen Krisen fachlichen Rat holen kann. Auf der Rückseite findet sich zusätzlich noch eine Erinnerungskarte mit allen wichtigen Telefonnummern.

3. Säule: Von Ehrkulturen, Helden und aktiven Eltern

Die letzte und dritte Säule enthält Projekte mit Jugendschwerpunkt bzw. Projekte aus dem Integrationsbereich, hier vor allem mit dem Schwerpunkt Ehrkulturen. In den Köpfen vieler Männer aus arabischen Staaten, Südosteuropa, der Türkei oder Nordafrika ist die Kultur der Ehre noch immer fest verankert. Patriarchales Verhalten ist für sie Teil der Identität. Mit Projekten wie HEROES oder CariM von der Caritas soll in diesem Bereich angesetzt werden. Junge Männer aus Ehrenkulturen setzen sich dabei kritisch mit Geschlechterrollen auseinander und werden so selbst zu Multiplikatoren ausgebildet, die dann wiederum Workshops an Schulen abhalten, um weitere junge Männer für das wichtige Thema zu sensibilisieren. Daneben gibt es mehrere Integrationsprojekte mit Familienschwerpunkt, so etwa „Aktive Eltern" vom Verein Zebra oder „Papa Chai", die beide wichtige Arbeit in diesem Bereich leisten. Spezielle Frauenprojekte wie die Beratungsstelle DIVAN, das Projekt Portobella von Omega oder MASIR von „Sicher leben in Graz" runden das Angebot ab.

Michael Wildling

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