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Spurensuche in Graz

Familie aus Chile zu Gast im Rathaus

07.09.2026

Die beiden Enkelsöhne von Gertrude Scharfstein, Sergio Schlesinger (r.) und Ariel Scharfstein (7. v. r.), begaben sich mit neun weiteren Verwandten auf eine Zeitreise zu ihren Wurzeln. Die Chilenen genossen den Blick vom Gemeinderatsbalkon.Gemeinderat Tristan Ammerer begrüßte die Besucher:innen im Rathaus.Im Gemeinderatssitzungssaal: Neben GR Tristan Ammerer (vorne r.) war auch GRin Anna-Sophie Slama (vorne l.) gekommen, um die Gäste willkommen zu heißen. Daniela Grabe (l. hinten vom Verein für Gedenkkultur) hatte den Empfang organisiert und begleitete die Chilenen durch Graz.

Gertrude Scharfstein, geborene Blüh, entstammte einer wohlhabenden Grazer Kaufmannsfamilie. Das Lederhandelsgeschäft befand sich in der Annenstraße 31, im Hof war die Schuhoberteilerzeugung. Die Geschäfte gingen gut, die Familie besaß ein Automobil und ein Telefon. Das repräsentative hölzerne Eingangstor war aus dickem Holz geschnitzt, auf der Terrasse des Appartements im zweiten Stock des Gebäudes blühten Obstbäume. Gertrude lebte gerne in Graz. 1935 heiratete sie den Geschäftsmann Josef Scharfstein, mit dem sie an den Ruckerlberggürtel 14 zog, und engagierte sich bei der zionistischen internationalen „Women's International Zionist Organisation" (WIZO), die als karitative Frauenorganisation Geld für Sozialprojekte in Palästina sammelte. Bis sich ihr Leben und das ihrer Familie im März 1938 mit einem Schlag verändern sollte. Haft, Ausschließung und Diskriminierung prägten ab sofort den Alltag - dem Gertrude und ihr Mann gegen Jahresende durch einen glücklichen Zufall entfliehen konnten. Von Jugoslawien führte es die beiden nach England und schließlich nach Ecuador, wo Josef und sein Bruder Moritz einen florierenden Uhrenhandel aufbauten. Im Jahr 2010 starb Gertrude im Kreise ihrer Familie, ihre frühere Heimatstadt hat sie nie wiedergesehen.

Reise in die Vergangenheit

Ihr zu Ehren waren dieser Tage Gertrudes Enkel Sergio Schlesinger und Ariel Scharfstein mit neun weiteren Verwandten eigens aus Chile nach Graz gereist, um sich auf die Spuren ihrer Vorfahrin zu begeben. Für die beiden war dies nicht der erste Besuch in der Stadt, waren sie doch bereits vor zehn Jahren wichtige Akteure der Stolpersteinverlegung (organisiert durch den Verein für Gedenkkultur) an den Wohnadressen der Familien Blüh und Scharfstein. Die aktuelle Zeitreise führte die Chilenen u. a. in die Sackstraße 18, wo sich einst das erste sechsklassige Mädchenlyzeum der Österreichisch-Ungarischen Monarchie befand, das auch Gertrude besucht hatte. Heute beherbergt das geschichtsträchtige Gebäude das Graz Museum.

Zu Gast im Rathaus

Besonders freute die Familie aber der Empfang im Rathaus. Bürgermeisterin Elke Kahr war zwar terminlich verhindert, ließ aber ausrichten: „Ihr Besuch als Nachfahren jener, die aus Graz vertrieben wurden, zeigt, dass Erinnerung nicht einfach endet, sondern auch neue Verbindungen schafft. Ich bin für Ihr Kommen dankbar und hoffe, dass Sie mit Graz in guter Verbindung bleiben." Und Daniela Grabe, Mitbegründerin des Vereins für Gedenkkultur, die die Delegation ins Rathaus begleitet hatte, betonte: „Stolpersteine bedeuten, dass Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden, nicht vergessen sind. Stolpersteine bedeuten aber auch die Stärkung des wichtigen Bandes, das sie zwischen uns in Graz und den Nachkommen jener Menschen geschaffen haben. Ich freue mich sehr, dass die Stadt Graz so wie heute durch diesen Empfang im Rathaus hilft, dieses Band zu stärken!"

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