Beim Umbau am Tummelplatz sind Fundamente der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung samt Basteiturm zum Vorschein gekommen. Der Fund könnte eine Lücke im Wissen über den Verlauf der alten Grazer Stadtmauer schließen.
Zwischen modernen Leitungen und einem Kanal aus den 1920er-Jahren tauchen in der Baugrube vor dem Akademischen Gymnasium plötzlich Steine auf, die seit Jahrhunderten im Boden liegen. Was auf den ersten Blick wenig spektakulär aussieht, ist für die Archäolog:innen eine besondere Entdeckung.
„Bei den freigelegten Mauerresten dürfte es sich um Fundamente der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung samt Basteiturm handeln. Wir ordnen sie dem Spätmittelalter des 14. bis 15. Jahrhunderts zu", erklärt Ortrun Kögler, Grabungsleiterin von archnet, die die archäologische Baubegleitung haben.
Völlig unerwartet kam der Fund nicht. Auf alten Ansichten und Plänen ist in diesem Bereich eine turmartige Verstärkung zu erkennen, die in das Dominikanerinnenkloster integriert war. Wie weit die mittelalterliche Stadtmauer im Osten von Graz tatsächlich verlief, war bisher allerdings nicht eindeutig geklärt.
„Die erhaltenen historischen Aufzeichnungen, Grundrisse und Pläne sind vermutlich jünger als die Mauern, die wir hier gefunden haben. Dieser Bereich war für uns deshalb eine Art blinder Fleck", so Kögler weiter.











Vom vermuteten zum tatsächlichen Turm
Klöster von Bettelorden wie den Dominikanerinnen oder Franziskanern lagen früher zum Teil entlang oder außerhalb der Stadtmauern. Als die Befestigungsanlagen aufgrund von Bedrohungen und Überfällen verstärkt wurden, bezog man solche Bereiche in den geschützten Teil der Stadt ein.
Dass an dieser Stelle eine turmartige Verstärkung bestanden haben könnte, war den Fachleuten aus historischen Darstellungen bekannt. Einen archäologischen Nachweis gab es bislang jedoch nicht.
„Es ist das eine, aufgrund alter Ansichten etwas zu vermuten. Die Reste eines Basteiturms dann tatsächlich zu finden, ist für uns natürlich eine große Freude", sind sich der Projektleiter der archäologischen Baubegleitung, Dimitrios Boulasikis und Grabungsleiterin Ortrun Kögler von archnet einig. „Wir hoffen, dass wir dadurch auch die weitere Ausdehnung der spätmittelalterlichen Stadtmauer genauer verorten können."
Hochwertiges Material für den Schutz der Stadt
Auch das verwendete Baumaterial erzählt etwas über die Bedeutung der Anlage. Die Mauern wurden aus Schöcklkalk und Mörtel mit hochwertigem Löschkalk errichtet.
„Hier wurde hochwertiges und für die damalige Zeit entsprechend teures Material verwendet", erläutert Boulasikis. „Daran lässt sich erkennen, welcher Aufwand in den Bau und die Verstärkung der Stadtbefestigung investiert wurde."
Wer vor einigen Jahrhunderten an der heutigen Fundstelle gestanden wäre, hätte hier keinen Platz gesehen. Der Bereich der aktuellen Baugrube markierte in etwa den damaligen Rand der Stadt.
„Von der Stadtmauer aus hätte man über den Bereich vor der Mauer hinaus in das Umland geblickt", beschreibt Boulasikis die damalige Situation. „Die Verteidiger verfügten zu dieser Zeit noch nicht über moderne Artillerie. Sie verteidigten die Stadt unter anderem mit Pfeil und Bogen sowie mit Steinen."
Wo verlief die alte Stadtmauer?
Aller Voraussicht nach führte die Stadtmauer über den heutigen Tummelplatz in Richtung Burggasse. In der anderen Richtung dürfte sie hinter dem Akademischen Gymnasium vorbeigeführt und anschließend ebenfalls in Richtung Burggasse verlaufen sein. Der Bereich könnte eine Art Finger oder Ausläufer der ehemaligen Stadtbefestigung gebildet haben. Das ist derzeit aber noch nicht abschließend gesichert. „Wir hoffen, im Zuge der weiteren Grabungen zusätzliche Hinweise auf den genauen Verlauf zu finden, drückt Boulasikis die Daumen.
Gerade darin liegt die Bedeutung der aktuellen Entdeckung: Die historischen Ansichten lieferten Anhaltspunkte, die freigelegten Fundamente ermöglichen nun erstmals eine genauere archäologische Einordnung.
Viele Fotos ergeben ein Bild
Für die Dokumentation ist nicht nur die Lage der Mauern entscheidend. Die Archäolog:innen halten auch fest, auf welcher Höhe die Mauerkrone liegt und wie tief das Fundament reicht. In diesem Bereich endet es in einer Tiefe von etwa 1,5 bis 2,5 Metern.
„Wir vermessen die Mauern mittels Photogrammetrie", erklärt Kögler. Dafür wird die Fundstelle aus genaue Pläne erstellt werden. Damit bleibt dauerhaft dokumentiert, wo sich diese Bodenschätze befinden. Bei künftigen Bauarbeiten und Grabungen weiß man dann, wo besonders genau hingeschaut werden muss.
Auch während der weiteren Bauarbeiten bleibt die archäologische Begleitung vor Ort. Denn noch ist offen, ob im Boden zusätzliche frühe Befunde warten.
Die Mauern bleiben im Untergrund
Nach Abschluss der Untersuchungen können die Mauerreste wieder zugeschüttet werden. Dadurch werden sie nicht zerstört, sondern bleiben an Ort und Stelle erhalten.
„Alles, was wir finden, wird genau dokumentiert", erklärt Boulasikis. „Bewegliche Funde wie Keramikscherben werden geborgen, gereinigt und anschließend ebenfalls erfasst."
Die beweglichen Fundstücke werden nach der Bearbeitung dem Graz Museum übergeben. Die gemeinsame Auswertung sämtlicher Befunde und Funde steht noch aus. Alle Schritte erfolgen in Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt.
Auf die Neugestaltung des Tummelplatzes und den Zeitplan haben die bisherigen Entdeckungen nach aktuellem Stand keine Auswirkungen.
Fundstücke auch am Bischofplatz
Der Tummelplatz ist nicht der erste Fundort innerhalb des Bauloses. Bereits am Bischofsplatz stießen die Archäolog:innen auf alte Hausmauern. Diese belegen, dass der Platz ursprünglich kleiner war als heute.
Dort wurden außerdem Fragmente von Keramikgefäßen, Kerzenhaltern und Ofenkacheln sowie Tierknochen geborgen. Die Tierknochen stammen großteils aus Küchenabfällen und geben Einblicke in den Speiseplan der Menschen von damals.

