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Grazer Familienstudie bringt spannende Ergebnisse

20.12.2023

2021 präsentierte die Stadt Graz erstmals eine groß angelegte Familienstudie mit dem Ziel eine breite Bestandsaufnahme über die Situation von Familien in der steirischen Landeshauptstadt zu machen und auch die möglichen Einwirkungen der COVID-Pandemie einschätzen zu können. Mit teils alarmierenden Ergebnissen: Starke Belastungen und Druck durch Pandemie, Zunahme von Angst- und Depressionssymptomen oder suchtähnliche Nutzung digitaler Medien von jungen Menschen. Zwei Jahre später folgt nun die zweite Auflage der Familienstudie Graz und geht der Frage nach, wie sich die Situation in den letzten beiden Jahren für Familien verändert hat. „Kinder, Jugendliche und Eltern sind im Allgemeinen noch immer belastet, im Vergleich zur letzten Studie zeigt sich aber eine Entspannung und Verbesserung", fasst Jugend- und Familienstadtrat Kurt Hohensinner zusammen, „Nachhall und Reaktionen auf die Pandemie sind bei bestimmten Subgruppen und Ressourcen zu erkennen, für die meisten Eltern und Jugendlichen hat Covid aber keine besondere Relevanz mehr. Uns war es wichtig die Ergebnisse von 2021 noch einmal zu beleuchten und in Relation zu stellen. Die zweite Familienstudie ist eine weitere große Bestandsaufnahme über die Situation von Familien in Graz, auf die wir unsere zukünftige Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe ausrichten werden."

Yana Regenfelder, Paul Jimenez (beide Universität Graz, Institut für Psychologie), Ingrid Krammer (Abteilungsleiterin Amt für Jugend und Familie), Kurt Hohensinner (Jugend- und Familienstadtrat), Gerald Friedrich (Fachbereichsleitung Psychologie im Amt für Jugend und Familie)

Annähernd 3.000 Teilnehmer

Die Studie wurde vom Institut für Psychologie der Universität Graz unter Leitung von Professor Paul Jimenez und Yana Regenfelder in enger Abstimmung mit dem Amt für Jugend und Familie erarbeitet. Insgesamt haben an der Studie 2.922 Personen teilgenommen, davon 1.323 Erwachsene und 1.599 Jugendliche. Damit wurden doppelt so viele Personen befragt, wie noch 2021. „Wir haben im Vorfeld der Erhebung wichtige Player in die Studie eingebunden, die unterstützend und auch begeistert mitgewirkt haben. Unser Ziel war, die die Studie partizipativ und breit zu erstellen - dies ist uns durch die Mitarbeit relevanter Einrichtungen und Personen im Familienbereich wirklich gut gelungen. Wir hoffen, der Stadt Graz und allen Beteiligten eine gute Grundlage für die Weiterarbeit in den jeweiligen Bereichen geliefert zu haben", sagen Paul Jimenez und Yana Regenfelder.

Die Präsentation der Ergebnisse zum Nachsehen

 

Wesentliche Studienergebnisse kurz notiert

Vulnerable und besonders belastete Gruppen

In dieser Studie zeigt sich erneut, dass vor allem die Gruppen der Jugendlichen im Allgemeinen, Frauen und jugendlichen Mädchen, Personen mit Migrationsgeschichte bzw. anderer Staatsangehörigkeit als aus dem DACH-Raum und Personen mit geringen finanziellen Mitteln besonders vulnerabel und belastet sind. Mit zunehmendem Alter der Kinder steigt die generelle Belastung. Mit zunehmendem Alter der Jugendlichen zeigen sich vermehrt Hinweise für bestimmte Symptome und destruktive Verhaltensweisen und Reaktionen (u. a. Depressions- und Angstsymptomatik, übermäßiger Konsum digitaler Medien, Motivationslosigkeit und Lustlosigkeit etc.).

Bedeutende Ressourcen und Unterstützungsmöglichkeiten

Vor allem soziale Ressourcen werden von Grazer Familien als unterstützend empfunden, wobei dies bei Eltern stärker der Fall ist als bei Kindern und Jugendlichen. Ebenfalls von Bedeutung sind strukturierende, bewegungsorientierte und personale Ressourcen. Bei personalen Ressourcen sind vor allem Aspekte der Selbstwirksamkeit und des Kohärenzgefühls (z. B. die Gewissheit, sich bei Bedarf Unterstützung holen zu können) häufig genannt worden.

Positive Entwicklungen und Chancen

Ausnahmesituationen können jedoch auch positive Entwicklungen und Chancen bedeuten, z. B. zur Stärkung personaler Ressourcen oder zur Neustrukturierung von starren Mustern. Ressourcen, die möglicherweise während der Pandemie hilfreich waren und zur Verfügung standen, sind in den letzten Jahren bedeutungsvoller geworden. Dazu gehört vor allem ein Zuwachs an sozialen und personalen Ressourcen wie Selbstwirksamkeit, Unterstützung von anderen und Ähnlichem. Des Weiteren können Bewegungen und Verschiebungen der Rollen-, Aufgaben- und Verantwortungsverteilung bei der Erziehungsarbeit gesehen werden, wobei dies stärker bei Eltern mit anderer Staatsangehörigkeit der Fall ist. Hierzu gehört ein Zuwachs von Verantwortung und Erziehungsaufgaben beider Elternteile.

Bedarf für Stärkung und Ressourcenaufbau

Es zeigte sich, dass vor allem Personengruppen anderer Staatsangehörigkeit/mit Migrationsgeschichte und vor allem in schlechter finanzieller Lage einen erhöhten Bedarf an Unterstützung haben. Nicht nur beschreiben diese Gruppen Ressourcen als weniger hilfreich im Vergleich, sondern sprechen sich weniger häufig personale Ressourcen zu. Ebenfalls stehen diesen Gruppen weniger schulische Ressourcen zur Verfügung. Da Angebote des Amts für Jugend und Familie mehrheitlich als unterstützend wahrgenommen werden, wenn sie schon einmal genutzt wurden, sollten diese vor allem bei Eltern mit anderer Staatsangehörigkeit (nicht aus dem DACH-Raum) beworben werden, da diesen viele Angebote unbekannt sind.

Vergleich mit Ergebnissen der vorherigen Familienstudie

Der Vergleich mit der Familienstudie 2022 zeigt eine Verringerung der Belastungen in 2023 auf, wobei noch immer ein großer Anteil von Belastungen berichtet. Über destruktive Verhaltensweisen und Symptome für Depression und Angststörungen wird weniger häufig berichtet, doch ist noch immer ein beachtlicher Teil davon betroffen. Ein ähnliches Muster lässt sich bei Erholung und Beanspruchung erkennen. Bei Jugendlichen, die schulische oder berufliche Anforderungen schlecht bewältigt haben, ist ebenfalls eine Verringerung der Belastungen um die Hälfte zu verzeichnen. In Bezug auf das Familienklima können keine großen Veränderungen berichtet werden, wobei alle Aspekte beim Thema Kindeserziehung abgenommen haben.

Schritte gesetzt, weiterer Weg zu gehen

Für Hohensinner zeigt die Studie ganz klar, dass man als öffentliche Hand jetzt und in den nächsten Jahren verstärkt für Kinder, Jugendliche und Familien arbeiten muss: „Mit unserer Kinder- und Jugendstadt haben wir in Graz einen mehrjährigen Schwerpunkt für Kinder und Jugendliche beschlossen und ins Leben gerufen. Die Familienstudie zeigt, dass dieser Weg goldrichtig ist und unterstreicht die Wichtigkeit diesen Schwerpunkt bis 2026 fortzusetzen." Außerdem bestätigt sich der Trend, dass gerade Sport- und Bewegungsangebote Kindern und Jugendlichen helfen mit schwierigen Situationen besser umzugehen. Hier will die Stadt weitere Akzente setzen. Gleiches gilt auch für die Angebote im Amt für Jugend und Familie, wie Hohensinner ausführt: „Familienkompetenzzentrum, digitale Beratung, Maßnahmen für finanziell schwache Familien - auch hier haben wir bereits einiges ins Leben gerufen. Wir wollen diese Säulen weiter forcieren, vor allem aber auch psychotherapeutische Angebote in Bezug auf Personal und Ressourcen ausbauen, um möglichst viele Betroffene zu erreichen."

Schwerpunkte auf Familien mit Migrationsgeschichte und Therapie-Angebote

Weitere Schwerpunkte für die Zukunft erklärt Ingrid Krammer, Abteilungsleiterin im Amt für Jugend und Familie: „Wir werden unseren Fokus noch stärker als bisher auf Familien mit Migrationsgeschichte legen. Wir wissen aus der Studie, dass sie von unseren Angeboten vor allem im Bereich Elternbildung und Elternberatung stark profitieren - daher wollen wir deutlich mehr Familien als bisher erreichen, am besten in Kooperation mit jenen Einrichtungen, die mit dieser Zielgruppe erfolgreich arbeiten." Gerald Friedrich, Leiter des Fachbereichs Psychologie im Jugendamt, sieht besonderen Bedarf im Bereich der Therapie-Angebote: „Die Belastung der Kinder ist zwar nicht mehr so hoch wie noch zur Zeiten der Pandemie, sie liegt aber leider immer noch deutlich über dem Niveau von 2019.  Wir erleben eine erhöhte Nachfrage an Therapieangeboten für Kinder und Familien, aber wir können im Moment dem Bedarf an kostenfreien Angeboten nicht nachkommen. Kostenfreie Therapie-Angebote für finanziell schwache Familien bzw. deren Kinder sind aus meiner Sicht dringend notwendig."

Michael Wildling

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