Mit der Wahl des Migrant:innenbeirates am 28. Juni 2026 wurde ein wichtiges demokratisches Zeichen für Mitbestimmung und Teilhabe gesetzt. 2.034 Grazerinnen und Grazer ohne EU-Staatsbürgerschaft haben von ihrem Mitbestimmungsrecht Gebrauch gemacht und sich damit stark für den Migrant:innenbeirat der Stadt Graz eingesetzt. Für Menschen ohne EU-Staatsbürgerschaft stellt diese Wahl eine der wenigen politischen Partizipationsmöglichkeiten dar, da sie in Österreich über kein allgemeines Wahlrecht verfügen. Dafür möchten wir allen Wählerinnen und Wählern unseren herzlichen Dank aussprechen.
Die Wahlbeteiligung konnte im Vergleich zur letzten Wahl erfreulicherweise gesteigert werden. Mit einer Beteiligung von 5,07 % wurde der Wert von 2021 nicht nur prozentuell, sondern auch absolut (in abgegebenen Simmen) übertroffen. Besonders erfreulich ist diese Entwicklung vor dem Hintergrund der deutlich gewachsenen Zahl der Wahlberechtigten, die sich gegenüber 2021 um mehr als 10.000 Personen auf nunmehr über 40.000 erhöht hat.
Trotz der Steigerung bleibt dieses Ergebnis weiterhin hinter unseren Erwartungen zurück und wir verstehen es als Ermutigung und zugleich als Auftrag, noch mehr Menschen für demokratische Mitbestimmung zu gewinnen. Die immer noch zu niedrige Wahlbeteiligung ist vor dem Hintergrund mehrerer struktureller und gesellschaftlicher Faktoren zu betrachten.
Dazu zählen insbesondere Defizite in politischer Bildung und Information sowie eine vielfach noch immer vorhandene mediale und gesellschaftliche Stigmatisierung von Migration. Es ist kaum möglich, strukturelle Verbesserungen zu erreichen, wenn das Fundament fehlt. Ohne gezielte politische Bildung im Vorfeld wird es Menschen schwer gemacht, sich einzubringen.
Hinzu kommt, dass die Begriffe „Migrant" oder „Migrantin" in Teilen der politischen Debatte und medialen Berichterstattung noch immer abwertend verwendet werden. Das schafft Frustration und erschwert Identifikation und politische Teilhabe, anstatt sie zu fördern.
Ein weiterer wesentlicher Faktor ist der begrenzte Einfluss des Migrant:innenbeirates. Als beratendes Gremium verfügt er über keine wirklichen Befugnisse, um die Entscheidungsfindung zu beeinflussen. Daher erscheint vielen Menschen die unmittelbare Wirkung ihrer Stimmabgabe weniger greifbar als bei Wahlen politischer Vertreter:innen, die über direkte Entscheidungsbefugnisse verfügen.
Schließlich ist die Entwicklung auch im Kontext eines allgemeinen Rückgangs der Wahlbeteiligung und politischen Partizipation zu sehen, der in vielen Demokratien zu beobachten ist und insbesondere jüngere Bevölkerungsgruppen betrifft.
Demokratie lebt von Beteiligung - jede einzelne Stimme stärkt unsere gemeinsame Stadt. Gerade deshalb ist der Migrant:innenbeirat ein unverzichtbares Instrument politischer Teilhabe für Menschen ohne EU-Staatsbürgerschaft. Er schafft eine institutionalisierte Vertretung für Menschen, die dauerhaft in Graz leben, hier arbeiten, Steuern zahlen und das gesellschaftliche Leben mitgestalten, aber kein Wahlrecht haben.
Unser Ziel für die kommenden Jahre ist es, die Sichtbarkeit des Beirates weiter zu erhöhen, den Dialog mit den Communities auszubauen und insbesondere junge Menschen verstärkt für demokratische Beteiligung zu gewinnen.
Wir gratulieren allen gewählten Mitgliedern herzlich und wünschen ihnen viel Erfolg, Weitblick und Kraft für ihre verantwortungsvolle Aufgabe. Gemeinsam wollen wir daran arbeiten, die Teilhabe aller Nicht-EU-Bürger:innen in Graz weiter zu stärken und unsere Stadt als offenen, demokratischen und solidarischen Lebensraum mitzugestalten.
Unser herzlicher Dank gilt der Grazer Stadtpolitik und Stadtverwaltung für ihre Unterstützung und die konstruktive Zusammenarbeit. Besonders bedanken wir uns bei der Grazer Koalition für ihre wertvolle Unterstützung sowie bei der Abteilung für Kommunikation der Stadt Graz und dem Referat für Wahlen für die ausgezeichnete Zusammenarbeit und die professionelle Organisation und Durchführung der Wahl.
Ein besonderer Dank gilt darüber hinaus allen Organisationen, Institutionen und politischen Parteien, die durch ihr Engagement wesentlich zum Wahlergebnis beigetragen haben.
Hervorheben möchten wir insbesondere Südwind sowie jene politischen Parteien, die uns durch organisatorische Unterstützung, Informationsarbeit und die Verteilung unserer Informationsmaterialien unterstützt haben.
Nicht zuletzt gilt unser aufrichtiger Dank den zahlreichen Multiplikator:innen in den Communities. Mit ihrem unermüdlichen Engagement, ihrer Überzeugungsarbeit und ihrem Einsatz im Sinne eines „Get out the Vote"-Ansatzes haben sie wesentlich dazu beigetragen, Menschen zur Teilnahme an der Wahl zu motivieren und demokratische Teilhabe zu stärken.
Migrant:innenbeirat der Stadt Graz
30. Juni 2026
