Aus der BIG: Sie sind bunt, klein und faszinierend - mehr als 250 Zikadenarten leben in Graz. Drei Arten erinnern mit ihrem "Gesang" an Urlaube am Mittelmeer.
Zikaden in der Landeshauptstadt
Sie zählten zu den tierischen Stars einer Bestandserhebung in botanischen Gärten - und lieferten in Graz eine Sensation ab: Zikaden.

Die meisten von ihnen sind nur Fachleuten bekannt, und doch sind sie auch in Graz allgegenwärtig: Die Rede ist von Zikaden, die mit den Wanzen und Pflanzenläusen verwandt sind.
„Mindestens 250 Arten sind für Graz bereits nachgewiesen, und ganz sicher gibt es viele weitere, die wir einfach noch nicht entdeckt haben", ist Insekten-Experte Gernot Kunz von der Universität Graz und vom Universalmuseum Joanneum überzeugt.
Bei einer Bestandserhebung wild lebender Tierarten in 37 botanischen Gärten im deutschsprachigen Raum, dem sogenannten BioBlitz, wurden knapp 2.000 Arten registriert, davon genau 100 Zikadenarten. Graz hatte wieder einmal die Nase vorn - und auch eine echte Sensation zu melden: „Wir haben erstmals die Seerosenzirpe in unserer Stadt nachgewiesen, die normalerweise deutlich weiter südlich vorkommt. Sie ist die einzige amphibisch lebende Zikade in unseren Breiten, alle anderen sind reine Landbewohner." Kunz geht davon aus, dass es in Graz eine bislang unentdeckte Population dieser in Österreich vom Aussterben bedrohten Art in einem Naturbadeteich gibt.




Große Familie mit wenigen schwarzen Schafen
Auch wenn die aus Amerika eingeschleppte und in Graz ebenfalls bereits gesichtete Rebzikade zuletzt in südsteirischen Weingärten als gefürchteter Schädling für negative Schlagzeilen gesorgt hat, bricht Kunz eine Lanze für die große Familie der Zikaden: „Unter ihnen findet man viele attraktive Arten, nur eine Handvoll der 680 in Österreich registrierten Arten zählt zu den Schädlingen. Alle saugen Pflanzensäfte, entweder zuckerhaltigen oder wasserhaltigen Saft oder an den Blattzellen. Wassersauger wie die häufige Rhododendronzikade müssen den Überschuss an Wasser regelmäßig wegspritzen, sie werden daher auf Englisch „sharpshooters", also Scharfschützen, genannt."
Die Zuckersauger geben einen zuckerhaltigen Saft ab, der als Honigtau von anderen Tieren, auch Bienen, aufgenommen und fallweise sogar zu Honig verarbeitet wird. Zikadennymphen entwickeln sich an Blättern, Stängeln oder Wurzeln, nur zwei heimische Arten ernähren sich von Pilzen.
Allein von der Größe können die meisten heimischen Zikaden nicht mit den im Mittelmeerraum vorkommenden Arten mithalten - die Rhododendronzikade etwa wird acht bis neun Millimeter groß. Die gemeine Blutzikade bringt es immerhin auf bis zu 11 Millimeter.
Autor: Wolfgang Maget
Wissenswert
Sangeskünstler
Zikaden sind vielfach von Urlauben am Mittelmeer bekannt, wo die Männchen nachts lautstarke Konzerte geben. In Graz sind drei Arten „singender" Zikaden gesichert, die für heuer jedoch bereits ausgesungen haben. Alle anderen Zikaden in Graz sind zu klein, um ihren Gesang ohne technische Hilfsmittel zu hören. Sie versetzen Pflanzenteile in Vibration und kommunizieren so mit ihren Geschlechtspartnern. Für die Weiterleitung von Zikaden-Beobachtungen besonders in Bildform via Internetplattform iNaturalist sind die Fachleute jederzeit dankbar.
BioBlitz
In 37 botanischen Gärten im deutschsprachigen Raum wurden im heurigen Frühsommer unter dem Titel BioBlitz Beobachtungen wild lebender Tiere gesucht. Der BioBlitz schlug vor allem in Graz kräftig ein, wo die meisten Meldungen registriert wurden. Auffällig war dabei eben die große Vielfalt an fotografierten Zikadenarten.
Mitmachen!
Um die beim BioBlitz erstmals in Graz gesichtete Seerosenzirpe zu erforschen, ersucht Biologe Gernot Kunz um die Übermittlung von Beobachtungen. Besonders hilfreich wären Bilder, die auf der internationalen Online-Beobachtungsplattform iNaturalist hochgeladen werden: inaturalist.org
Zur Person
Gernot Kunz geb. 1980 in Graz. Dissertant an der Karl-Franzens-Universität Graz. Zehn Jahre Schulausbildung im Instituto Austriaco Guatemalteco in Guatemala (1985-1995), Matura 1999 im BG Stift Rein. Abschluss des Diplomstudiums der Zoologie an der Karl Franzens Universität Graz im Februar 2008 mit der Diplomarbeit: "Rote Liste der Zikaden Niederösterreich". Teilnahme und Leitung mehrerer Fotoexkursionen nach Costa Rica, mehrere Vorträge über die Insektenwelt Costa Ricas in Österreich, Deutschland und Frankreich. Seit 2004 Teilnahme an den mitteleuropäischen Zikaden-Tagungen. Tutor, Studienassistent und Lehrbeauftragter an der Karl Franzens Universität seit 2006 für diverse morphologische, faunistische und ökologische Seminare. Dreimonatige Anstellung als Gastwissenschaftler im Muséum national d'Histoire in Paris 2010 und 2011. Kartierungen der Zikadenfauna in Mitteleuropa, Italien, Monte Negro & Costa Rica. Erstautor des "Fotoatlas der Zikaden Deutschlands" mit über 1500 Fotos. Sammlungsbestand: Zikaden (ca. 20.000 Belege und Datensätze), Fotoarchiv mit über 800 Zikadenarten und zahlreichen anderen Arthropoden aber auch Wirbeltieren Mitteleuropas und Costa Ricas.
Mehr Themen aus der BIG und das Archiv mit allen Geschichten zum "Wilden Graz" finden Sie hier.

