

Die Stadt Graz präsentiert erstmals die vollständige Langfassung des Endberichts der Expert:innenkommission für Straßennamen. Auf über 1.500 Seiten werden darin alle nach Personen benannten Verkehrsflächen wissenschaftlich aufgearbeitet und historisch eingeordnet.
Der Bericht schafft eine fundierte Grundlage für den weiteren Umgang mit historisch belasteten Straßennamen und macht sichtbar, wofür die jeweiligen Namensgeber:innen standen.
Judith Schwentner, Vizebürgermeisterin:
„Wer durch Graz geht, bewegt sich auch durch Geschichte. Wir wollen, dass diese Geschichte in all ihren Facetten sichtbar und verständlich wird."
Fundierte Aufarbeitung als Basis für Entscheidungen
Die mehrjährige wissenschaftliche Arbeit wurde in enger Zusammenarbeit zwischen der Universität Graz, dem Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung und der Expert:innenkommission für Straßennamen durchgeführt.
Neben bereits bekannten Einteilungen in problematische und besonders problematische Namen liefert die Langfassung nun detaillierte biografische Analysen und historische Einordnungen.
Die Ergebnisse zeigen, dass zahlreiche Namensgeber:innen in unterschiedlichen historischen Kontexten stehen - darunter auch Bezüge zu Nationalsozialismus, Antisemitismus oder demokratiefeindlichen Haltungen.

Prof. Stefan Karner, Vorsitzender der Kommission:
„Die breit aufgestellte Grazer Straßennamenkommission hat unter meinem Vorsitz alle Straßennamen überprüft und sich 1-stimmig für Zusatztafeln entschieden - auch bei „belasteten" Straßenbezeichnungen. Diese geben eine kurze Vita der Persönlichkeit, den Grund der Straßenbenennung und eine allfällige „Belastung" des Namensgebers an. Damit schreibt jede Zeile der Zusatztafeln Geschichte, doch manche Zeilen halten inne, um auch den Vorbeigehenden zu fragen, wem er heute zuhört."
Prof.in Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des LBI Kriegsfolgenforschung:
„Straßennamen sind ein wichtiges Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Und sie sind politische Symbole. Denn die Entscheidung darüber, wem eine Straße gewidmet wurde und wem nicht, welche Straßen umbenannt und eventuell später wieder rückbenannt wurden, geben Aufschluss über den Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Geschichte.
Ich freue mich sehr, nun die Ergebnisse dieses langjährigen Forschungsprojektes an der Universität Graz sowie dem Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung zu den insgesamt 738 personenbezogenen Straßennamen in Graz der Öffentlichkeit vorstellen zu können und ich danke allen, die daran mitgewirkt haben. Der rund 1.500 Seiten starke Endbericht, die über die ganze Stadt verteilten Zusatztafeln und die digitale Karte zeigen: Die asphaltierte Geschichtspolitik ist nicht in Stein gemeißelt."
Neue digitale Karte macht Geschichte sichtbar

Parallel zur Veröffentlichung des Berichts wird eine neue digitale Kartendarstellung präsentiert. Diese ermöglicht es, Straßennamen direkt im Stadtplan anzuklicken und Informationen zu den jeweiligen Namensgeber:innen abzurufen.
Damit wird das Wissen nicht nur dokumentiert, sondern auch im Alltag zugänglich gemacht.
Zur Website: Straßennamen - Stadtportal der Landeshauptstadt Graz
Elke Achleitner, Abteilungsleiterin vom Stadtvermessungsamt:
„Informationen über die Namensgeber:innen von Straßen, Plätzen, Gassen und Parks können ab sofort einfach und schnell über einen eigens vom Stadtvermessungsamt entwickelten digitalen Stadtplan abgerufen werden. Damit machen wir historische Hintergründe direkt im Alltag sichtbar und schaffen einen niederschwelligen Zugang zu diesem Wissen für alle Grazer:innen."
Graz setzt auf Einordnung und gezielte Umbenennungen
Die Stadt Graz verfolgt einen klaren Zugang im Umgang mit historisch belasteten Straßennamen: Transparenz, Kontextualisierung und Umbenennungen, wo notwendig. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf einer ausgewogeneren Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum. Derzeit sind weniger als 10 Prozent der Grazer Straßen nach Frauen benannt.
Vizebürgermeisterin Judith Schwentner:
„Eine Straßenbenennung ist immer auch eine Form der Ehrung. Und wir sehen heute, dass es Namen gibt, die eine solche Würdigung im öffentlichen Raum nicht mehr verdienen. Wir ändern das Schritt für Schritt, weil die demokratischen Werte unserer Gesellschaft dadurch sichtbar werden."
Bereits umgesetzt bzw. beschlossen wurden unter anderem folgende Umbenennungen:
- Dr.-Muck-Anlage → Ella-Flesch-Platz
- Kernstockgasse → Maria-Stromberger-Gasse
- Max-Mell-Allee → Aigner-Rollett-Allee
- Dr.-Hans-Kloepfer-Straße → Julia-Pongracic-Straße
- Dr.-Karl-Lueger-Straße → Maria-Matzner-Straße
- Hermann-Gmeiner-Weg → Rosa-Wartinger-Weg (ab Juni 2026)
Geschichte sichtbar machen
Die Veröffentlichung des Endberichts ist Teil eines umfassenden Grazer Wissensprojekts. In der jüngsten Vergangenheit wurden auf Basis des Endberichts bereits im gesamten Stadtgebiet Zusatztafeln angebracht, die historische Hintergründe zu Straßennamen erklären und einordnen. Insgesamt handelt es sich um 800 nach Personen benannten Verkehrsflächen. Das Stadtvermessungsamt konnte dieses Projekt inzwischen beinahe vollständig umsetzen.
Ziel ist es, Geschichte im Alltag sichtbar und verständlich zu machen - für alle Grazer:innen und kommende Generationen.

