Mit dem Milton-Weber-Kulturzentrum hat Graz seit Donnerstag einen neuen Ort für jüdische Kultur, Begegnung und gesellschaftlichen Austausch. Das Zentrum am David-Herzog-Platz ist die erste permanente Kultureinrichtung einer jüdischen Gemeinde in Österreich. Die feierliche Eröffnung fand am 10. September in Anwesenheit zahlreicher Gäste in der Grazer Synagoge statt. Auch Bürgermeisterin Elke Kahr und Landeshauptmann Mario Kunasek nahmen an den Feierlichkeiten teil.
Die Idee für ein jüdisches Kulturzentrum in Graz nahm 2021 nach den Anschlägen auf die Grazer Synagoge Gestalt an. Fünf Jahre später wurde aus dieser Idee nun Realität: Das neue Kulturzentrum soll jüdisches Leben sichtbar und erlebbar machen und zugleich Raum für Kunst, Literatur, Musik, Geschichte und gesellschaftspolitische Auseinandersetzung bieten. Ermöglicht wurde die Umsetzung mit Unterstützung von Stadt Graz, Land Steiermark und Jüdischer Kultusstiftung.
Eli Rosen, Präsident der Jüdischen Gemeinde Graz: „Es gibt Häuser, die entstehen, weil etwas entstehen soll. Ein solches Haus eröffnen wir heute. Es ist eine dauerhafte Heimat für uns - mit einem eigenen Programm und einer eigenen Stimme. Aus einer Absicht ist Wirklichkeit geworden. Dieses Haus darf kein Ort der Anpassung werden, sondern soll Horizonte öffnen."
„Ein Ort, der die Zukunft weisen wird"
Bürgermeisterin Elke Kahr unterstrich bei der Eröffnung die Bedeutung des neuen Kulturzentrums für die Stadt: „Dieser Ort steht für Werte und Haltungen, diese müssen bewahrt werden. Es gilt generell mehr Moral zu zeigen und weniger zu moralisieren. Heutzutage gibt es keine einfachen Lösungen mehr, aber die Lösungen, die wir finden, dürfen nie auf Kosten anderer gehen. Wir als Stadt Graz sind einem Versprechen nachgekommen und haben aus Überzeugung und Verbindlichkeit die Umsetzung des Kulturzentrums unterstützt. Es wird künftig ein Ort sein, der die Zukunft weisen wird."
Auch Landeshauptmann Mario Kunasek betonte die gesellschaftliche Bedeutung des neuen Hauses: „Es gibt Tage, an denen man ein Zeichen setzt. Heute ist einer dieser Tage. Jüdisches Leben ist Gegenwart und hier sollen lebendige Auseinandersetzungen stattfinden. Dieser Ort ist von großer Bedeutung, weil jüdisches Leben einen Platz mitten in unserer Gesellschaft benötigt."
Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl: „In vielerlei Hinsicht wird dies ein Ort der Bereicherung sein. Jüdisches Leben wird hier sichtbar und damit selbstverständlich. Es ist ein Ort der Begegnung, der verbindet und für Verständnis sorgt."
Den Auftakt des Programms bilden zwei Fotoausstellungen des französischen Fotografen Ouriel Morgensztern. Sie widmen sich jüdischem Leben in unterschiedlichen Teilen der Welt sowie der gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Vielfalt Israels.
Ein Grazer als Namensgeber
Benannt ist das Kulturzentrum nach Milton Franklin Weber, dessen Lebensgeschichte eng mit Graz und der Verfolgung jüdischer Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus verbunden ist. Bei der Eröffnung waren auch zwei seiner Töchter anwesend, die ihren Vater selbst nicht kennengelernt hatten.
Milton Franklin Weber wurde am 30. Mai 1910 als Alois Weber in Graz geboren und als Kind vom Ehepaar Gogg adoptiert. Er absolvierte seine musikalische Ausbildung am Grazer Konservatorium und war dort später selbst als Lehrer tätig. Vor seiner Heirat mit Ilse Pollak konvertierte er zum Judentum. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme floh er 1939 nach Italien, wo er zeitweise interniert war. 1941 gelang ihm die Flucht in die USA. Dort nahm er den Namen Milton Franklin Weber an und setzte seine Karriere als Musiker, Dirigent und Musikpädagoge fort. Unter anderem baute er das Waukesha Symphony Orchestra auf und lehrte später an der Roosevelt University in Chicago. Milton Franklin Weber starb 1968 im Alter von 58 Jahren in den USA. In der Grazer Mandellstraße erinnert heute ein Stolperstein an ihn.




